„Wer ist Mr Satoshi?“ von Jonathan Lee

Buchcover zu Wer ist Mr Satoshi von Jonathan Lee
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Die Suche nach den Geheimnissen der Vergangenheit und sich selbst!

„Wer ist Mr Satoshi?“ von Jonathan Lee. Das Romandebüt eines auserordentlichen, jungen Autoren erstmals in deutscher Übersetzung, erschienen bei btb.

 

 

Was wirklich wichtig ist

Ein wenig ist es, als würde Foss einen alten Schwarz-Weiß-Film sehen und sich nicht der Wirklichkeit erinnern, wenn die Bilder vom Tod seiner Mutter durch seine Erinnerung geistern. Er ist noch immer wie erstarrt – wie an jenem Tag, als seine demente Mutter auf der Terrasse stürzte, mit dem Kopf auf die harten Betonplatten schlug und nicht mehr aufstand.
Nun sitzt Foss in der Wohnung seiner Mutter, versucht ihre Angelegenheiten zu regeln und stolpert über einen Schuhkarton, von dem seine Mutter immer sagte, er sei für Mr Satoshi. Foss weiß nicht, wer dieser Mr Satoshi ist und als er auf der Beerdigung seiner Mutter ihrer alten Freundin Freddie begegnet, beschleicht Foss das Gefühl, dass er auch seine Mutter nicht wirklich kannte.
Obwohl von Panikattacken geplagt, macht Foss sich auf die Suche nach Mr Satoshi und landet im schillernden Tokyo. Schnell erkennt er, dass die Vergangenheit seiner Mutter mehr als ein Geheimnis hütet. Gemeinsam mit der Japanerin Chiyoko begibt er sich auf die Reise und setzt Stück für Stück das Puzzle um seine Mutter zusammen, dringt immer tiefer in die Geschichte der vergessene Liebe und der unterdrückten Sehnsüchte der ihm so seltsam fremden Frau vor und findet dabei noch etwas ganz anderes.

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne

Jonathan Lees Debüt „Wer ist Mr Satoshi?“ besticht vom ersten Satz an vor allem mit einem: Einen unglaublich warmen und poetischen Schreibstil, ohne je abgeschmackt, zu blumig oder gar nervig zu sein. Jonathan Lee könnte vermutlich die langweiligste Geschichte der Welt schreiben, sie ließe sich dennoch gut lesen.

„Aber ich vermute mal, wenn man einen alten Menschen mit den Augen eines jungen Menschen sieht, hat man immer das Gefühl von etwas Verlorenem oder Verpasstem.“ ~ aus „Wer ist Mr Satoshi?“, Kapitel 21.

„Wer ist Mr Satoshi?“ ist allerdings alles, nur keine langweilige Geschichte und seine Protagonisten sind wunderbar echt und werden rasch beinahe beängstigend vertraut. Obwohl Foss nicht auf der Höhe seines Daseins ist – noch immer verfolgen ihn die Geister seiner Vergangenheit und Panikattacken suchen den Fotografen immer wieder heim – ist er zu keinem Zeitpunkt unerträglich oder überspitzt dargestellt und ebenso echt wirkt Chiyoko, die junge Japanerin mit den lila Haaren, die sich in Tokyo Foss‘ annimmt und ihm bei seiner Suche behilflich ist.

Es ist eine erschütternde Geschichte, die Foss Stück für Stück zu Tage fördert und mit jedem Puzzleteil, das hinzukommt, wird die Tragik und die Schwere der Geschichte deulicher, die in die Vergangenheit seiner Mutter und ihrer einztigen Liebe, Mr. Satoshi, führt. Doch in all dem findet Foss nicht nur einen Weg zu seiner Mutter, sondern auch zurück zu sich selbst und zu dem Mann, der er einmal war und den er glaubte, vor vielen Jahren in Griechenland verloren zu haben. So zeichnet Lee ein schönes und bisweilen auch erschreckendes Bild von Foss und seiner Entwicklung, das den Leser zu jeder Sekunde gefangen hält – so melancholisch und bedrückend es auch zeitweise ist.

Herausragend ist im Falle von „Wer ist Mr Satoshi?“ auch sie Cover-Gestaltung, auf die ich als Leser selten großen Wert lege, die mir hier aber sehr ins Auge stach. Der Titel, der mit einem roten Punkt auf weißem Hintergrund – der japanischen Flagge – hinterlegt ist und die Scherenschnitt-Darstellung eines Paars in einer japanischen Landschaft lassen darauf schließen, dass der Roman den Leser tatsächlich ins ferne Japan führen wird.

Fazit:

Absolut lesenwert – wenn auch mit einigen kleinen Längen in der zweiten Hälfte des Romans, die mich schließlich doch bewogen haben, einen Stern abzuziehen. Dennoch lege ich „Wer ist Mr Satoshi?“ jedem ans Herz, der sich für Schicksals- und Entwicklungsromane erwärmen kann. Den Rest erledigt Jonathan Lees herausragender Erzählstil und seine wunderbare Sprache.

Vier_Sterne

Buchdetails:


  •  22. Juni 2015
  • Verlag: btb
  • ISBN: 978-3-442-75386-4
  • Taschenbuch: 320 Seiten

„Wer ist Mr Satoshi?“ erschien bisher als Taschenbuch* und als eBook*.

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Carolin Blanck

Das Leben ist zu kurz, um laufend ein schlechtes Buch in die Hand zu nehmen - deshalb schreibt der Wortteufel Buch-Rezensionen. Und weil er schreibt, schreibt er auch über das Schreiben. Logisch - oder?

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