„Auerhaus“ von Bov Bjerg

Buchcover zu Auerhaus von Bov Bjerg
© Blumenbar

„Randständige Jugendliche im Übergangsheim“[1]

„Auerhaus“ von Bov Bjerg, ein schrecklich schöner Roman über die Jugend in den 80er Jahren, erschienen bei Blumenbar.

 

 

 

 

Sollten wir wirklich alle im „Auerhaus“ leben?

Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied. ~ aus „Auerhaus“, S. 65.

Vielleicht nicht wirklich – geschadet hätte es aber keinem von uns. Das „Auerhaus“ ist eine ganz besondere WG. Getrieben von der Angst, sein Leben könnte in vier schmalen Ordnern mit der Rückenaufsschrift: „Birth – School – Work – Death“ verschwinden, entschließt sich Höppner, gerade 18 Jahre alt und auf der Zielgeraden zum Abitur, mit seinem Freund Frieder zusammen in ein altes klappriges Haus zu ziehen. Die Idee stammt nicht von ungefähr, denn Frieder hat gerade erst erfolglos versucht dieses Leben zu verlassen und weiß noch immer nicht so recht, warum er eigentlich hier ist. Ein bisschen Unterstützung scheint also angebrocht.

Gemeinsam mit zwei Freundinnen ziehen die beiden Jungen also ins „Auerhaus“ und gründen eine Schüler-WG – mitten auf dem Dorf. Kann das der rechte Fleck sein, um seinem Schicksal zu entgehen?

Ein Buch, wie ein Song?

Ganz klar, das „Auerhaus“ entspringt dem Song „Our house“ von Madness. Ob nun wirklich der Songtitel oder der Name der Band Programm für die nicht alttägliche Schüler-WG ist, sei erst einmal dahingestellt. Unstrittig ist, dass „Auerhaus“ nicht unbedingt für jeden etwas ist, doch wer es mag, wird es vermutlich sogar lieben.

Anfänglich wollte ich nicht so richtig warm werden mit Bov Bjergs Schreibstil, der mir sehr abgehackt und starr erschien. Einmal eingelesen erschien mir die Sprache eher zackig und auf den Punkt. Freunde einer blumigen Sprache und eines epischen Erzählstils werden Bov Bjerg vermutlich nur mit Widerwillen lesen – doch es lohnt sich trotzdem.

Höppner ist nicht unbedingt ein besonderer Charakter, doch er ist Bov Bjerg besonders gut gelungen. Sein Ich-Erzähler befindet sich gerade erst auf der Schwelle der Jugend zum Erwachsen-Sein und genau dort erwartet er den Leser auch – manchmal vollkommen desillusioniert, manchmal mit einem Kopf voller Träume. Nach dem ersten Drittel kommt der Leser dort an, wo ihn Bov Bjerg wohl haben wollte: In seiner eigene (vergangenen) Jugend und plötzlich ist die Sprache ganz und gar nicht mehr holprig, sondern verdammt passend und genau das, was ein Jugendlicher in den 80er Jahren dachte und sagte.

Hätte man sie vor einer Klausur gefragt: „Wozu lebst du eigentlich?“, hätten sie geantwortet: „Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.“ ~ Aus „Auerhaus“, S. 68.

Höppner ist einfach echt. Hin und wieder verliert er sich in seiner eigenen Erzählung, um mit einem knappen „egal“ den Faden einfach zu kappen und zurück zur Ausgangsgeschichte zu kehren. Es ist schwer sich dem Gefühl zu entziehen, Höppner tatsächlich gegenüber zu sitzen. Von Anfang an ist es Höppners Geschichte und doch lebt sie auch durch seine Freunde, die allesamt nicht unterschiedlicher sein könnten und doch viel gemein haben.

Die Geschichte, die erst recht seicht beginnt, nimmt nach und nach immer mehr an Fahrt auf und es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein im „Auerhaus„. Neben Liebe, Eifersucht und Drogenproblemen drohen die Polizei und die Wehrpflicht Höpner einen Strich durch die Zukunftsrechnung zu machen.

Das Ende ist traurig – leider und trotzdem absolut in Ordnung. Es ist ein bisschen so, als wäre Bov Bjerg einfach der Geschichte treu gewesen bis zum Schluss. Es hätte gar nicht anders enden können.

Fazit:

Vorzusweise ist der Leser ein Kind/Jugendlicher der 80er Jahre, oder fühlt sich aus anderen Gründen mit diesem Jahrzehnt, seiner Musik und seiner ungewisssen Zukunft verbunden – dann wird ihm Bov Bjergs „Auerhaus“ totsicher gefallen. Wer einem knackigen, eher kurzen Schreibstil etwas abgewinnen kann und sich nicht daran stört, dass sich „Auerhaus“ gediegen an einem Nachmittag weglesen lässt, darf guten Gewissens zugreifen. Selbst war ich auch „Auerhaus“ sehr gespannt. Meine Erwartungen wurden überhaupt nicht erfüllt, dafür war ich am Ende sehr angenehm überrascht. Das war nicht der 80er Jahre Roman, die rührseelige Hommage an ein Jahrzehnt, den ich erwartet hatte – das war sehr viel besser.

Für alle, die noch mehr über das „Auerhaus“ erfahren möchten, gibt es alles rund um die Schüler WG unter www.auerhaus.de.

Fünf_Sterne

Buchdetails:


  • 17. Juli 2015
  • Verlag: Blumenbar
  • ISBN: 978-3-351-05023-8
  • Hardcover: 240 Seiten

Bisher erschien „Auerhaus“ als Hardcover*, als eBook* und ist Hörbuch*.

*

[1] Aus „Auerhaus“, S. 212.
* = Affiliate Link

The following two tabs change content below.

Carolin Blanck

Das Leben ist zu kurz, um laufend ein schlechtes Buch in die Hand zu nehmen - deshalb schreibt der Wortteufel Buch-Rezensionen. Und weil er schreibt, schreibt er auch über das Schreiben. Logisch - oder?

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: